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HOCHSENSIBILITÄT – WAS IST DAS?

Bei Hochsensibilität, Hochsensitivität oder Hochreaktivität handelt es sich um einen – offenbar angeborenen – Persönlichkeitszug, durch welchen Personen stärker und intensiver auf Reize reagieren. Die Ausformungen können sehr unterschiedlich sein, allen gemeinsam ist ein intensives Empfinden und Erleben. Es existiert jedoch noch keine anerkannte neurowissenschaftliche Definition des Phänomens, was Hirnforscher auf die noch in den Kinderschuhen steckende High-Sensitivity-Forschung zurückführen.

Folgende Definition beschreibt das Phänomen sehr gut: „Hochsensibilität bezeichnet eine im Vergleich zur Mehrheit der Menschen deutlich höhere Empfindlichkeit gegenüber äußeren und inneren Reizen aufgrund eines veranlagungsbedingt besonders leicht erregbaren Nervensystems. Das bringt eine subtilere, umfangreichere, nuancenreichere und intensivere Wahrnehmung mit sich; ebenso eine ausgeprägte Feinfühligkeit, eine höhere emotionale Reaktivität und eine gründlichere und komplexere Informationsverarbeitung. Damit einhergehen ein früheres Erreichen eines Zustands der Überstimulation und ein längeres Nachklingen des Erlebten. Hochsensibilität ist ein fest verankertes, unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal, das bei 15-20 % der Menschen, Männern wie Frauen, auftritt.“ (Ulrike Hensel, Mit viel Feingefühl, 2014)

Elaine N. Aron Die US-amerikanische Psychologin hat 1997 den Begriff ‚Highly sensitive Person‘ etabliert. Mit ihrem Buch ‚Sind Sie hochsensibel?‘ und weiteren Titeln war der Startschuss für wissenschaftliche Forschung zur Thematik gelegt. Aron erklärt das Phänomen der höheren Empfindlichkeit (‚sonsory processsing sensitivity‘) durch eine besondere Konstitution der Reize verarbeitenden neuronalen Systeme.Vor ihr beschäftigten sich u.a. Jerome Kagan, Carl Gustav Jung und Iwan Petrowitsch Pawlow mit verschiedenen Aspekten der Hochsensibilität.

Begrifflichkeiten Wie sehr der Umgang mit der ‚High Sensitivity‘ von Elaine Aron kulturell bestimmt ist, zeigt sich schon bei dem Versuch, den Begriff ins Deutsche zu übersetzen. Im Englischen ist ‚sensitive‘ weder positiv noch negativ belegt, die deutsche Übersetzung ‚sensibel‘ dagegen ist eher negativ konnotiert: ein Sensibelchen ist ein Mensch, der wenig Lebenstüchtigkeit vorzuweisen hat. In meiner Arbeit verwende ich die Begriffe „sensibel“ und „sensitiv“ gleichrangig und vermeide bewusst inhaltliche Bewertungen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass es sich bei Hochsensibilität um einen in der Erbanlage begründeten Wesenszug bzw. eine genetische Spielart handelt. Menschen, die Krisen, Burnout, Traumata oder intensive Belastungsphasen in ihrem Leben durchzustehen hatten, entwickeln oftmals eine vorübergehende erhöhte Reizempfindlichkeit. Diese ist aber meist auf einzelne Faktoren beschränkt und geht nicht unbedingt mit intensiver Wahrnehmungsfähigkeit, wie bei Hochsensibilität, einher.

Menschen reagieren unterschiedlich auf (innere und äußere) Reize. Jeder Reiz bedingt eine Reaktion des Organismus. Bei der Mehrheit der Menschen gibt es eine gewisse Dehnbarkeit innerhalb ihres Wohlfühl-Bereichs (dem idealen Maß zwischen Langeweile und Stress). Bedingt durch ihre quantitativ und qualitativ tiefer gehende Reizverarbeitung ist bei Hochsensiblen der Punkt der Reizüberflutung markant früher erreicht. Ihr Wohlfühl-Bereich ist also meist schmäler. Sie reagieren auf Reizüberflutung mit Rückzug, Aggression oder Lähmungsgefühl sowie verschiedenen Symptomen (Herzrasen, Schwitzen, Verwirrtheit etc.).

Der sogenannten Temperaments-Theorie (Jan Strelau) zufolge unterscheiden sich Menschen vor allem durch die Reaktivität. Reaktivität bezeichnet die Intensität oder Menge des Verhaltens, mit der ein Individuum auf einen Stimulus oder eine Situation reagiert. Die Reaktionsstärke ist individuell unterschiedlich. HSP haben eine hohe Reaktionsstärke. Hochsensibilität ist also eher ein Persönlichkeitsmerkmal – eines unter vielen wohlgemerkt.

Ein weiteres Merkmal geht damit Hand in Hand, nämlich das der Wahrnehmungsfilter: Aufgrund besonderer Eigenschaften ihres Nervensystems nehmen Hochsensible mehr und intensiver wahr als die meisten Menschen. Die neurologischen Wahrnehmungsfilter scheinen weniger, oder zumindest völlig anders ausgeprägt zu sein, was bedeutet, dass die Wahrnehmungsschwelle sehr niedrig ist und schon die geringste Veränderung (bewusst oder unbewusst) verarbeitet wird. Man spricht in diesem Zusammenhang von größerer Reizempfänglichkeit und Reizoffenheit.

Merkmale von HSP:

Erkennen Sie sich in den folgenden Merkmalen wider?

    • ausgeprägte subtile sowie detailreiche Wahrnehmung
    • intensives Empfinden und Erleben sowie langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten
    • erhöhte Schmerzempfindlichkeit (Unverträglichkeit von Stimulanzien, Medikamenten sowie gewisser Nahrungsmittel)
    • hohe Begeisterungsfähigkeit, sehr vielseitige Interessen, eher breites Wissen
    • psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt) – hohe Empathiefähigkeit, Harmoniebedürfnis
    • stärker beeinflussbar durch Stimmungen anderer Menschen
    • meist stark ausgeprägte Intuition, manchmal Zugang zum sechsten, siebenten, usw. Sinn
    • Denken in größeren Zusammenhängen
    • ausgeprägter Altruismus, Gerechtigkeitssinn, Ethik
    • Gewissenhaftigkeit (bis zum Perfektionismus), Fehler-Sensibilität
    • Intensives Erleben von künstlerischen Darstellungsformen (häufig selbst künstlerisch tätig)
    • Stark ausgeprägtes Rückzugsbedürfnis, Erholung durch reizarme Umgebung (Meditation, Schlaf) oder Naturerfahrung

Wenn viele Punkte dieser (sicher unvollständigen) Merkmalliste auch auf Sie zutreffen und Sie sich fragen, ob Sie zu dieser Gruppe gehören – hier geht’s zum online HSP Test!

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